Städtetag Baden-Württemberg: Kaum Gemeinschaftsschulen mit Option für Oberstufe in Sicht

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Norbert Brugger, Dezernent beim Städtetag Baden-Württemberg: «Denn es zeichnet sich ab, dass die wenigsten die notwendige Zahl von 60 Interessenten für eine eigene Oberstufe zusammenbekommen» (Bild: Liebl)

18. November 2015 (dpa) STUTTGART. Die Oberstufe an Gemeinschaftsschulen sollte eine weitere Wahlmöglichkeit für die Familien in Baden-Württemberg darstellen. Doch es ist abzusehen, dass diese Option sich mangels Masse nicht oft bietet. Der Städtetag mahnt, sich dieser Realität zu stellen.
Gemeinschaftsschulen müssen nach Ansicht des baden-württembergischen Städtetages verstärkt mit Gymnasien kooperieren, um Oberstufen anbieten zu können. «Denn es zeichnet sich ab, dass die wenigsten die notwendige Zahl von 60 Interessenten für eine eigene Oberstufe zusammenbekommen», sagte Städtetagdezernent Norbert Brugger auf Anfrage. Von den 42 Schulen der ersten genehmigten Tranche hätten nur drei Schulen in Karlsruhe, Tübingen und Konstanz die erforderliche Größe. Davon wolle nur die Konstanzer Schule eine Oberstufe anbieten. Nach Ansicht des Vereins für Gemeinschaftsschulen entspricht die Prognose Bruggers nicht der Realität.
Die ältesten Schüler der von Grün-Rot eingeführten «Schule für alle» sind nun in der achten Klasse. Die Genehmigung für eine Oberstufe im Schuljahr 2017/18 kann erst eineinhalb Jahr vor deren Beginn beantragt werden. Notwendige bauliche Veränderungen für die dreijährige Oberstufe müssten aber schon vorher beantragt werden. «Es müsste eine Genehmigung eingeholt werden für eine Oberstufe, die zu dem Zeitpunkt noch gar nicht genehmigt sein kann», kritisierte Brugger. Überdies sei es schwierig, in Zeiten rückläufiger Schülerzahlen und freiwerdender Räumlichkeiten an Gymnasien Parallelstrukturen aufzubauen. «Da würde viel Geld ausgegeben, um dem Gymnasium vor Ort Konkurrenz zu machen.»
Im Südwesten gibt es rund 400 allgemeinbildende und ebenso viele berufliche Gymnasien. Die Zahl der Gemeinschaftsschulen beläuft sich derzeit auf 271.
Der Verein räumte zwar ein, die Zahl von 60 Oberstufenschülern werde an vielen Standorten zunächst nicht erreicht. Aber den Schulen werde es in vielen Fällen gelingen, ihre Schüler zu besseren Leistungen zu motivieren als ursprünglich prognostiziert. «Dies wird dazu führen, dass an durchaus einer wachsenden Zahl von Standorten, eventuell auch im Verbund miteinander, eine hohe Nachfrage für die Einrichtung gymnasialer Oberstufen entsteht», sagte Vereinschef Matthias Wagner-Uhl. Unter den ersten drei Tranchen seien etwa 20 mindestens vierzügige Gemeinschaftsschulen mit den erforderlichen Schülerzahlen.
Eine Gefahr für die Existenz der Schulen sieht Brugger in der Entwicklung allerdings nicht. Denn der Anteil von Schülern mit Gymnasialempfehlung liege ohnehin bei nur etwa zehn Prozent. «Ich glaube nicht, dass die Eltern diese Kinder auf die Gemeinschaftsschule schicken, damit sie später auch an dieser Schule Abitur machen.» Die Schule werde als anderer Weg dahin betrachtet.
Die Lernkulturen an der auf individualisiertes Lernen fokussierten Gemeinschaftsschule und an den Gymnasien seien sehr unterschiedlich. Deshalb schlägt der Städtetag vor, für die Wechsler von der Gemeinschafts- und Realschule auf das Gymnasium eine eigene zehnte Klasse zu bilden. Real- und Gemeinschaftsschüler treten nicht in die elfte Klasse des achtjährigen Gymnasiums, sondern in die zehnte ein.
Anders als Brugger sieht die Grüne Jugend im Zwei-Säulen-Modell von Grün-Rot mit Gymnasium und Gemeinschaftsschule eine Bedrohung für letztere. Deshalb fordert sie die Abschaffung des Gymnasiums. Sonst werde sich die Gemeinschaftsschule zur Restschule entwickeln.
Um nach der Gemeinschaftsschule auf ein Gymnasium wechseln zu können, ist ein Versetzungszeugnis notwendig. Noten und Versetzungen sind der neuen Schulart aber weitgehend fremd. Brugger wies auf eine neue Verordnung hin, die eine «fiktive Versetzungsentscheidung» – also ein mit Noten versehenes Versetzungszeugnis – erlaube.

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